Hand und Fuß Zum Zyklus „Membra Jesu nostri“

Ad faciem, 2011

Schwerpunkt im künstlerischen Schaffen Heiko Mattauschs ist die Landschaft, insbesondere die Stadtlandschaft, gesehene und erdachte. Zudem interessiert ihn der Mensch in seinem spannungsgeladenen Dasein. Der Leipziger taucht ihn in mythologisch aufgeladene Bilder, zeigt ihn als Gestürzten, als müden Reisenden in der Welt. Aber er schaut ihm auch auf Augenhöhe ins Gesicht und porträtiert ihn. Anders als die Porträts sind die Stadtbilder oder Landschaften von Heiko Mattausch keine direkten Abbilder der Wirklichkeit. Die Gemälde werden nicht draußen „vor dem Motiv“ gemalt, sie entstehen im Atelier. Dort ringt er um seine Themen und deren malerische Lösung. Häufig sind in den Land- und Stadtlandschaften mehrere Ebenen intendiert, auch metaphernhafte Züge eingeschrieben. Es geht um die Frage nach der Unmöglichkeit einer heutigen unschuldigen „reinen“ Natur oder um die Sicht auf die Stadt als künstlich erschaffene Landschaft, die aus der Überformung der Natur durch den Menschen entstanden ist und in der der Mensch existieren muss.

Um Existentielles im Dasein des Menschen geht es auch im Zyklus „Membra Jesu nostri“, der 2011 in Öl auf Leinwand gemalt wurde. Entstanden ist die siebenteilige Bildfolge aus der direkten Anregung durch das Musikstück „Membra Jesu nostri patientis sanctissima“, so der vollständige Name. Er bedeutet „Die allerheiligsten Gliedmaßen unseres leidenden Jesus.“ Für die Passionszeit des Jahres 1680 komponierte Dieterich Buxtehude dieses, sein größtes oratorisches Werk. Als Komponist geistlicher und weltlicher Werke gilt er als einre der bedeutendsten nordeuropäischen Musikerpersönlichkeiten der Barockzeit. In den sieben Einzelkantaten des Passionszyklus – die prinzipiell alle dem Schema mit instrumentaler Einleitung und sich anschließendem Chorsatz mit Bibeltext und Wiederholung des Chorsatzes folgen – werden Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und Haupt des gekreuzigten Christus allegorisch gedeutet. Bei der „Rhythmica oratio“, der Textgrundlage, handelt es sich um mittelalterliche lateinische Gedichte. Das letzte Gedicht dieses Zyklus ist wohlbekannt, da es in der Übersetzung von Paul Gerhardt in die evangelische Tradition eingegangen ist. Es heißt „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt zu Spott gebunden mit einer Dornenkron“. So wie die Kantaten als musikalisch-sinnlich erfahrbare Betrachtung erklingen, so erforscht der Maler die Figur des leidenden Menschen bildnerisch. Er hält sich an die Kantatensätze und zeigt in seinem Zyklus: Ad pedes, die Füße. Ad genua, die Knie. Ad manus, die Hände. Ad latus, die Seite. Ad pectus, die Brust. Ad cor, das Herz und Ad faciem, das Gesicht. Leid, Trauer und gleichermaßen Körpererfahrung sprechen aus der Malerei, die aber auch deutlich von einer beobachtenden Hinwendung zeugt. Im ersten Bild sind die totenblassen Beine des Gekreuzigten zu sehen, die Füße tragen die Male der Nägel. Die Interpretation zur Strophe der Knie, im zweiten Bild, ist umfänglicher. Der Maler zeigt den gestürzten Heiland. Einen nackten Mann, der auf die Knie gefallen ist und sich erschöpft auf den Boden stützt. Im dritten Bild sieht man in einem kahlen Raum zwei angriffsbereite Gesellen und die Hände, mit denen sich der Gestürzte wieder heraufziehen möchte. Sie sind verkrampft, zeugen von den Folterschmerzen der Passion Jesu. In den Bildern vier und fünf – Brust und Seite – steht jeweils die Ganzkörperfigur des Gepeinigten, mit blasser Hautfarbe und in gekrümmter Haltung, im Mittelpunkt. Die Menschlichkeit im Leiden des Erlösers wird durch die vollkommene Nacktheit des Körpers ausgedrückt. Im Bild zur siebten Strophe zeigt der Maler das Haupt voll Blut und Wunden. In das untere Drittel des Hochformates gemalt, vor einem dunklen, leeren Hintergrund, wirkt der von Wunden und der Dornenkrone Gekennzeichnete schwer geschlagen. Frei interpretierend öffnet Heiko Mattausch den Zyklus im Werk zur sechsten Strophe: Sein Gemälde zum Herzen erweitert er in eine Pieta und deutet weit hinaus über dessen Funktion als lebenswichtiger Muskel hin zum Sinnbild der Liebe. Ein Gesamtbild wird möglich. Malerisch und menschlich. Das Format der Leinwand ist größer, setzt einen Schwerpunkt im Zyklus und rhythmisiert ihn. Die Komposition ist figurenreicher. Der tote Körper des Gekreuzigten, blass und schmal am unteren Bildrand liegend, wird von liebenden Menschen (Maria und Johannes) betrauert, die wiederum beschützend umfangen werden. Sie sind zudem nicht nur zugewandt dargestellt, auch die Farben ihrer Kleider sind kräftig und lebendig. Zwei weiße Tauben (in der christlichen Ikonographie Sinnbild für den Heiligen Geist) fliegen auf. Die Natur, die Bäume sind lebendig grün. In der Darstellung „Ad cor“ strahlt die Hoffnung auf Erlösung auf. Die Bildfolge ist ein großes Bekenntnis von Heiko Mattausch zur figurativen und zur narrativen Malerei.

Christine Dorothea Hölzig
Leipzig, 2012