Arne Sandow im Gespräch mit Heiko Mattausch

Heiko Mattausch ist seit früher Kindheit ein sehr guter Freund von mir. Wir wohnten bis Anfang zwanzig in Döbeln fast nebeneinander, nur eine Straße lag dazwischen. Den Entfernungen der Folgejahre und den Unterschieden zum Trotz hat uns das freundschaftlich nie entzweit. Mit dem Malen hat er bereits in frühen Jahren begonnen; ein Interesse, was bis heute nicht so recht zu passen scheint auf sein bodenständiges wie auch körperliches Naturell. Umso interessanter für mich seine Entwicklung: Teils unvorhersehbar, unangepasst, fast als roh zu bezeichnen, wenn ich mich nicht auf die Zwischentöne in seinem Wesen wie auch seinen Bildern einlassen würde.
In Heikos erstem Studium – der Architektur – merkte ich bereits die Gespaltenheit in seiner Arbeit. Statt einem Reißbrett war immer die Staffelei allgegenwärtig. Auch die Fotografie und die Sicht auf Gebäude passten nicht so recht auf einen reinen Architekten. Ganz der Malerei gab er sich erst bei seinem zweiten Studium hin, die Malerei war endlich sein Hauptfach. Doch war es offiziell noch ein Studium. In den letzten Jahren kam dann die entgültige Wende. So gerne man diese Zeit davor als Jahre des Suchens bezeichnen könnte, so falsch läge man damit. Ich bin mir seit langem sicher, dass Heiko Mattausch kein Maler werden kann, sondern längst Maler ist.

A.S.: Wohin würdest Du Deine Kunstrichtung einordnen: Ist es Expressionismus oder Neue Leipziger Schule?
H.M.: Weder noch. Wenn man es so nimmt, haben die Neue Leipziger Schule und ich gemeinsame Bezugsquellen, aber unterschiedliche Richtungen in die wir gegangen sind. Heisig, Tübke und ein paar Leute der zweiten Generation ziehen meine Blicke auf sich seit ich sie zum ersten Mal als Architekturstudent Mitte der Neunziger sah. In den folgenden Jahren sind weitere Konstanten der Kunstgeschichte wie Rembrandt oder Dürer hinzu gekommen. Goya gefällt mir auch. Vor allem die kleinen farbigen Kabinettstücke. Aber es gibt noch mehr wie Horst Janssen oder Alfred Hrdlicka. Von dem gefällt mir sogar die Skulptur.

Hornissem, 2009-11

A.S.: Und wie kommst Du auf Deine Ideen?
H.M.: Oft habe ich im Vorfeld etwas gesehen, das einen Malreiz auslöst. Ich baue es als Detail in ein Bild – wenn es denn irgendwann mal passt – oder aber ich verändere es sofort wie ich es fürs Bild brauche. Landschaften sind willkommene Fingerübungen. Es gibt jedoch auch Landschaften, die sind reine Kompositionen, nichts einzueins Erlebtes. Bei dem Bild Hornissen zum Beispiel war der Auslöser das Panorama eines Steinbruches in dem ich im Sommer meine Bahnen ziehe. Mir geisterte seitdem eine diffuse Bildidee im Kopf herum. Bereits die Zeichnung sah völlig anders aus als der sächsische Steinbruch und das Bild auf der Leinwand hat sich ebenfalls vielfach verändert. Ich war immer wieder unzufrieden mit den Interimsergebnissen bis es schließlich passte. In ein paar Sitzungen habe ich das Bild Ende des letzten Jahres fertig gemalt. Mit dem ursprünglich Gesehenen hatte es nichts mehr zu tun. Ähnlich verhält es sich mit Figurenkompositionen. Ich trage ein Thema mit mir herum. Da ich sehr ungeduldig bin, fange ich nach wenigen Skizzen mit der Malerei an. Die Zeichnung dient der Fixierung der Idee und Formklärung. Auf der Leinwand entwickle ich das Thema im Detail.

A.S.: Du bist ja ein so fröhlicher Mensch, wieso diese Düsternis in Deinen Werken oder anders gefragt, scheint in Dir die Sonne oder lädst Du etwas ab mit Deiner Malerei?
H.M.: Für mich ist Schwarz eine der edelsten Farben. Schau dir an wie Goya und Rembrandt damit umgehen konnten. Die Bilder scheinen manchmal nur mit Braun, Ocker, Weiß und Schwarz gemalt zu sein. Gelegentlich findet man auch Rot oder Gelb vor. Diese Bilder tragen ein unglaublich tiefes Leuchten in sich. Das Schwarz ist hier alles andere als düster. Mir scheint es warm und anziehend. Ich wollte das auch in meiner Malerei erreichen. Als ich endlich das erste Bild so herausbekam wie ich es mir vorstellte, habe ich es mit den nächsten probiert. Es sollte ja kein Zufallsergebnis sein, sondern ich will Herr meiner Mittel sein und nicht umgekehrt.

A.S.: Siehst Du in Deinen Affendarstellungen eine Analogie bzw. eine reduzierte Darstellung des Menschen mit seinen Instinkten, seinen Urbedürfnissen?
H.M.: Sie passen sehr gut in mein metaphorisches Schema, weil sie mit dem Menschen artverwandt sind. Was sie von uns unterscheidet: Sie sind näher an ihrem natürlichen Gebaren. Darüber hinaus sind es lässige und ästhetische Kreaturen. Ich wollte sie unbedingt malen.

A.S.: Konterkarierst Du Deine Erfahrungen in der Architektur bewusst mit Menschen und diesen Tieren oder wie verbindest Du das in Deinen Arbeiten?
H.M.: Ich sehe was los ist. Ob mein Architekturstudium hierfür dienlich war, weiß ich nicht. Ich mache mir keine Gedanken, warum dass so bei mir ist. Es ist einfach so. Im übrigen ist mein Stadt-Mensch-Natur-Grundtenor exemplarisch. Du kannst ihn als repräsentatives Synonym für die aktuelle Gesamtsituation sehen. Ich hatte soeben schon erwähnt, dass Affen oder generell Tiere sich natürlicher verhalten als wir es tun. Zumindest solange wir sie lassen sind sie instinktgetrieben. Wir sind das in unseren Trieben weitestgehend auch. Unser natürliches Verhalten im Alltag ist jedoch durch soziokulturelle Prägung überformt.

A.S.: Inwiefern möchtest Du damit die Verbindung bezüglich Individuum und Bau thematisieren?
H.M.: Die Frage sollte neben Individuum und Bau auf Natur erweitert werden. Das hängt ja alles zusammen. Der Mensch ist ein natürliches Wesen und die Stadt ist etwas in die Natur Gesetztes. Ich kenne die Entwicklungen in der Architektur und sehe bedenkliche Potentiale. Die Stadtutopien wie sie beispielsweise in Asien umgesetzt wurden sind auf den ersten Blick schick und moralisch fast einwandfrei. Meiner Meinung nach aber der Anfang einer Ghettoisierung. Der Platzbedarf wird ja kein geringerer nur weil man in die Höhe baut und die Lebensqualität keine hochwertigere nur weil man Grünflächen zwischen die Geschosse stapelt.

A.S.: Wie würde ein Haus oder eine Stadt aussehen, wenn Du sie entwerfen würdest?
H.M.: Wenn ich an der Entwicklung einer größeren Stadt beteiligt wäre, gäbe es u. a. weitere und vor allem breitere grüne Adern. Am Beispiel des Potsdamer Platzes in Berlin sehen wir wie das entweder nicht gelungen ist oder nicht gewollt wurde. Immer wenn ich in Berlin bin, versuche ich dort nicht zu sein. Der Stadtraum dort ist glatt und kalt, kontrastlos und langweilig.

A.S.: Gäbe es einen Unterschied, wenn Du sie als Maler entwerfen würdest?
H.M.: Als Architekt würde ich meiner Arbeit humanistische Werte zugrunde legen. Das ist die Grundlage. Dürfte ich das, hätte ich als Maler ein Thema weniger. Als Maler interessiert mich der Istzustand und die Punkte wo der größtmögliche Hebel angesetzt werden kann. Ich mag also etwas mit ausgeprägter Kontur und selbst wenn ich eine Landschaft male, ist nicht die gepflegte Blumenwiese mein Sujet, sondern irgendein modriger Acker mit einem knorrigen Baum.

A.S.: Wo steht in beiden Fragen der Mensch als Individuum bzw. als soziales Subjekt?
H.M.: Ich bin in erster Linie Figurenmaler und werde das immer sein. Schon allein deshalb nimmt er bei mir zentralen Stellenwert ein. Dann habe ich aber auch Kompositionen, die sehen auf den ersten Blick wie entvölkerte Landschaften aus. Denkt man sich da hinein, wird man merken, dass es da sehr wohl um den Menschen geht. Das Hornissenbild über das wir vorhin sprachen ist so ein Bild. Du hast da einerseits die natürliche Kulisse in Form des Flusses, des abgestorbenen Baumes usw. Mittendurch knattert der alte Doppeldecker über die moderne Stadtlandschaft, die in den Urwald gesetzt wurde und dazwischen qualmt es. Ist doch klar, dass das irgendjemand verursacht hat.

A.S.: Würdest Du Dich als Fortschrittsskeptiker einordnen?
H.M.: Mir fehlen gelegentlich ein paar Aspekte und das Argument der Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes ist kein Totschlagargument gegen alles Andere. Er ist nur eine Ausrede. Meiner Meinung nach muss eine funktionierende Stadt am Maße des Menschen und nach ästhetischen Gesichtspunkten entworfen werden. Ich sehe nicht, dass diese beiden Punkte der Wirtschaftlichkeit gegenüberstehen. Die Schnelligkeit und den niedrigen Anspruch mit dem etwas gebaut wird betrachte ich demzufolge kritisch, weil dadurch wird es auch schnellebig; man könnte sogar sagen beliebig und schließlich egal. So eine Einstellung kann ich nicht akzeptieren. Wenn man es genau nimmt, fehlt dem Städtebau und der Architektur heute der humanistische Geist. Deshalb meide ich so etwas, wo ich es kann. Vereinzelt gibt es gelungene moderne Architektur. Die schaue ich mir sehr gern an und betrete sie wenn ich darf. Insofern bin ich also kein Fortschrittsskeptiker.

A.S.: Wenn das gegenüber einem Künstler erlaubt ist als Frage: Hat Deine Kunst einen sozialkritischen, architekturskeptischen oder anderweitig gearteten Kritikhintergrund?
H.M.: Über allen meinen Äußerungen steht für mich der Satz von Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Meine Arbeit ist entscheidend davon beeinflusst weil ich weiß, der Grieche hatte Recht. Ich sehe, dass ein paar entscheidende Leute nicht so denken. Die können es entweder nicht besser oder sie wollen nicht. Demgegenüber ist es sehr wohl ein sozialkritischer Ansatz.

Dresden im Mai 2012