Rezension zum Bild „Rückkehrer“

Rückkehrer, 100 x 80 cm, Öl/LW, 2010

Dieses Volk, wie es der Künstler selbst nennt, kommt zerschunden und verschlissen nach langer Reise heim. Wir wissen nicht, ob es zurück- in ein gelobtes Land oder aus eben diesem ernüchtert wiederkehrt. Ersteres würde ein Erreichen des utopischen Vorhabens bedeuten und damit ein positives Bild zeichnen. Wie Odysseus, der nach langerer Reise sein Ithaka wieder zu Gesicht bekommt, wären die Rückkehrer auf dem Gemälde nach beschwerlicher Reise den heimatlichen Gefilden nahe. Metaphorisch gesprochen am Ziel der Lebensreise, an deren Ursprung; im Sinne einer metaphysischen Reise zurück am Anfang der auch das Ende bedeutet. Liest man das Bild als enttäuschte Heimkehr, den Auszug ins utopische Paradies als gescheitert, wird die Aussage wesentlich pessimistischer. Eine Vision führte das Volk einst in die Ferne, geschlagen und verbittert kehren die erfolglosen wieder. Durch den Titel bleibt diese Entscheidung beim Betrachter, die Aussage angenehm ambivalent.

activeArt, 2014

Kunst 2.0

Kulturbegeisterte Traditionsliebhaber müssen es einsehen: Heiko Mattausch verkörpert all das was man nicht mit einem Maler in Verbindung bringt. In einer farbrestfreien Jeanslatzhose öffnet mir der Wahlleipziger die Tür. Binnen weniger Sekunden hat das zugegeben klischeebehaftete Image eines Malers ein Update erfahren. Helle Leipziger Westwohnung statt entlegener Kreativgarage. Atelier statt Wohnzimmer. Eisgekühlter Apfelsaft mit Minzblättern statt Kaffee und Kippe.

Um Routine zu vermeiden, lässt sich Heiko Mattausch gerne überraschen. Vor allem von sich selbst. Und doch bleibt er seiner Linie, die selbst Konzerne wie Goodyear zu einem Großauftrag überzeugten, immer treu und macht aus jedem Bild früher oder später einen unverkennbaren Mattausch. Einige Werke des 37-Jährigen warten seit mehreren Jahren auf ihre Fertigstellung, andere wiederum entstanden aus einer plötzlichen Inspiration und erhielten nach nur wenigen Tagen ihren letzten Pinselstrich. Vermutet mancher hinter einem Maler der Neuzeit noch immer ein verrücktes Genie, so sollte er spätestens jetzt eines besseren belehrt werden. Heiko Mattausch spricht ungewohnt rational von seinem Talent, das zum Beruf wurde, von den Geschichten hinter der Leinwand und seinem persönlichen Bezug. Immer wieder fällt mein Blick auf das dazugehörige Bild. Wilde Pinselstriche, markante Erhebungen, weich ineinanderfließende Farben und schemenhafte Formen fügen sich erst mit dem nötigen Abstand zu einem klaren Ganzen zusammen. Pinsel und Spachtel bilden seine kreativen Waffen, Öl die Munition. Leidenschaftlich wandert Mattausch von Bild zu Bild und nimmt mich mit auf eine kreative Reise, vorbei an surrealen Abbildern eines schönen Leipzigs, die gerade einmal wirklich genug sind, um den Ort erkennen zu lassen. Unser Weg führt uns weiter zu Visualisierungen biblischer Musikstücke, Diplomarbeiten überdimensionalen Ausmaßes bis hin zu Grafiken, auf denen Menschen tief in ihr Innerstes blicken lassen. Auch ein Selbstportrait findet sich unter den Werken des studierten Malers. Es trägt den Titel Kirmesboxer und vielleicht stecken darin Wahrheit und Erfolgsrezept in einem.

Laura Becker, 2013