Von der Architektur zur Malerei: 
Ein Portrait über den Leipziger Maler Heiko Mattausch

Viele Wege führen zur Kunst und wenn es sich bei jemandem gelohnt hat, diese Richtung doch noch einzuschlagen, dann ist es Heiko Mattausch. Der gebürtige Döbelner arbeitete erst mehrere Jahre als Architekt, bevor er sich endgültig für das entschied, zu was er sich schon immer hingezogen fühlte: zur Malerei. Heute ist der 40-Jährige Vollzeitmaler in Leipzig. Dass die Architektur nicht nur ein beruflicher Zwischenstopp, sondern ein prägender Wegweiser war, beweist ein Blick auf seine Bilder.

Wenn man Heiko Mattausch in seinem Atelier in Leipzig besucht, sticht einem zunächst die Schlichtheit seiner Arbeitsstätte ins Auge. Die großen, hellen Räume im Souterrain eines Gründerzeithauses wirken sehr licht, fast schon ein wenig karg. Ungewöhnlich minimalistisch für einen kreativen Freigeist. Der Mann mit dem kupferfarbenen Dreitagesbart scheint viel Raum für sich zu brauchen. Mit seinem legeren, blauen Hoodie wirkt er fast noch ein wenig jugendlich, dabei hat der 40-Jährige zweifelsohne seine orientierungslosen Backfischjahren längst hinter sich gelassen. In seinem Blick ist ein scharfer Fokus. Und der ist ganz deutlich zu spüren, ohne dass man zunächst ein Wort mit ihm wechseln muss. Wir setzen uns. Mein Blick wandert durch 40 Quadratmeter Altbau und verharrt in der hinteren Ecke des Raumes. Pinsel, Ölfarben, Terpentin – geordnet stehen sie in einem kleinen Holzregal neben seinem aktuellen Werk. Das 1×1,40 Zentimeter große Ölgemälde zeigt eine Männersilhouette mit Hahnenkamm. Darüber steht in großen Lettern „Punx not dead“. Eine Auftragsarbeit, an der er seit ein paar Monaten arbeitet. Mir gefällt es auf Anhieb gut. Der Maler selbst sieht das etwas anders: „Ich bin noch nicht zufrieden damit“, betont er.

Ein Tappen im Dunkeln auf der Suche nach dem Licht

Mattausch wirkt rastlos, der eigene Anspruch an Perfektion scheint ihn wie ein Motor anzutreiben. Zugegeben, nörgelig könne er da schon mal werden, wenn etwas nicht so gelingt, wie er sich das vorgestellt hat. Sein tägliches Arbeiten sei ein emotionales Auf und Ab, sein Schaffensprozess ähnlich wie ein Tappen im Dunkeln auf der Suche nach dem Licht. Ein Glück, dass die eigene Unzufriedenheit mit den wachsenden Erfolgen nur noch selten da ist. Seit über 24 Jahren malt Mattausch, seit zwei Jahren habe er endlich das Gefühl, seinen eigenen Stil gefunden zu haben. Seine Inspiration findet er dabei auf der Straße und in der Natur. Kein Wunder, dass Porträts und Straßenszenen die Klammer seiner Arbeit bilden. Häufig malt er Menschen und Orte, die er unterwegs entdeckt hat und in seinen Skizzen als Gedankenstütze festhält. Er bevorzugt das Terrain abseits des touristischen Mainstreams und geht der Frage nach, inwieweit sich ein Individuum mit seinem Verhalten in der Natur oder Stadt anpasst. Beispielsweise auch, ob sich ein Charakter im Gesicht ablesen lässt.

Viele Ideen seien bereits in seiner Gedankenwelt verankert und müssten erst noch in die Bildwelt übertragen werden. Mattausch betont: „Aber man darf nicht zu viel darüber nachdenken. Ein Bild muss entstehen, damit es locker bleibt.“ Aus dieser Idee entstand auch sein Dauerprojekt „Weekly Wonder“, bei dem er urbane Orte und Industriekomplexe rund um den Globus aus der Perspektive eines flüchtigen Blickes malt und wöchentlich auf seinem Blog veröffentlicht. Sechs Tage die Woche steht er im Atelier. Der Sonntag ist selbstverständlich Arbeitstag, der Samstag hingegen ist für „Orga-Kram“ reserviert. Malen mache ihn schlichtweg glücklich. Und der Ausgleich? Den finde er auf Reisen und im Training. Kampfsport sei da eine alte Leidenschaft von ihm. Yoga inzwischen auch.

Gelungene Umwege

Je mehr ich mich mit ihm unterhalte, umso mehr frage ich mich, warum sich ein Mensch bei einer so klaren Bestimmung zunächst für einen Umweg entschieden hat. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Großen Respekt habe er vor dem engen, ökonomischen Rahmen gehabt, in dem er sich als Maler vielleicht bewegen würde. Mit der Zeit wurde der Weg in die Kunst jedoch unausweichlich: „Ich habe das Gefühl nicht mehr ausgehalten, im Büro meine Lebenszeit abzusitzen und acht Stunden am Tag belanglose Dinge zu tun.“ Währenddessen habe er sich Bilder von seinen Lieblingsmalern aus dem Netz gezogen, Kunstbücher gekauft und sei ständig durch Museen und Galerien gewandert. Er wollte nicht mehr nur nach Feierabend malen, sondern immer. Mattausch bewirbt sich schließlich für ein Kunststudium an der Burg Giebichenstein in Halle. Und die Architektur? Die war ab da chancenlos.

Eine Frage der Authentizität und Qualität

Liebermann, Corinth, Mortimer, Mann und Wood – der Leipziger hat sich auf seiner Reise durch die Kunstwelt oft mit anderen Malern beschäftigt. Gute Architektur findet Mattausch nach wie vor anziehend. Zur Zeit schaut er sich oft gotische Kirchenfiguren an und denkt darüber nach, wie er die Stilistik dieser Figuren in seine Bilder bekommt. Seiner Ansicht nach muss Kunst zwei Dinge besitzen: Authentizität und Qualität. Ob es dann gefällt, sei natürlich abhängig vom Zeitgeist und der Rolle auf dem Kunstmarkt, jedoch ist bei dem Mann mit den breiten Schultern mehr Rebellion als Anpassung zu spüren: „Ein Maler muss unbeirrbar sein Ding durchziehen und sich weiterentwickeln. Erst dann kann gute Kunst entstehen, unabhängig davon, ob sie wirtschaftlichen Erfolg mit sich bringt oder nicht.“ Ehrliche Worte eines ehemaligen Architekten der unterwegs doch noch den Mut für die Malerei gefunden hat. Welches Erlebnis ihn in seinem Leben nachhaltig geprägt habe, möchte ich zum Schluss noch wissen: „Vorerst die Entscheidung nicht zu malen.“ Ein Statement, das ich ihm ohne Zweifel abkaufe.

Sabrina Lieb, 2017