Rede des Quedlinburger Oberbürgermeister Dr. Eberhard Brecht zur Ausstellungseröffnung „Perspektive Blasiikirche“

Herzlich willkommen zur Vernissage mit Werken des Leipziger Künstlers Heiko Mattausch. Die Ausstellung ist bis zum 04. Oktober hier in der Blasiikirche zu besichtigen.

Der Wahlleipziger Heiko Mattausch ist kein Amateur, kein Autodidakt. Er ist studierter Maler und Grafiker und beherrscht Pinsel und Spachtel dementsprechend meisterhaft. Und dennoch oder auch gerade deshalb bleibt Mattausch selbstkritisch; manche seiner Werke folgten einer plötzlichen Inspiration und erhielten nach nur wenigen Tagen ihren letzten Pinselstrich. Andere Werke werden erst nach einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem abzubildenden Sujet vollendet.

Jemand der heute aus Leipzig kommt, wird gern der Neuen Leipziger Schule zugeordnet. Aber mit der Einordnung von Künstlern in Stilrichtungen ist es so eine Sache. Als Naturwissenschaftler bin ich mit klaren Kategorien sozialisiert worden. Es gibt Schubladen, in die etwas hinein gehört. Neodym gehört beispielsweise zu den seltenen Erden und der Rhesusaffe gehört zu den Primaten. Wer und was gehört nun eigentlich zur Neuen Leipziger Schule? Da ich nur Werke von Neo Rauch und Hans Aichinger kenne, habe ich Wikipedia bemüht, um zu erfahren, wer denn eigentlich ansonsten zur Neuen Leipziger Schule gehört. Ich habe dort 16 Künstlernamen gelesen. Am Ende des Wikipedia Eintrages fand sich dann jener Satz, der mich verwirrte: „Die genannten Künstler lehnen die Zugehörigkeit zu einer Leipziger Schule meist ab.“ Man definiert also eine Kunstrichtung über Maler, die sich selbst dieser Kunstrichtung gar nicht zugehörig fühlen. Und wenn es eine Schublade gibt, auf der steht: Dies ist die neue Leipziger Schule, dann kann diese Schublade wohl nicht leer sein. Heiko Mattausch ist jedenfalls trägt nicht zu dieser Verwirrung bei. Ich stieß auf ein mit Heiko Mattausch geführtes Interview, in dem er, der Leipziger, sich der Neuen Leipziger Schule nicht zugehörig fühlt, aber auf gemeinsame Wurzeln verwies. Ich entdecke bei Heiko Mattausch Elemente der „alten“ Leipziger Schule eines Werner Tübke, eines Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig. Diese malten großteils gegenständlich und verbanden die Gegenstände zu einem Abstraktum. Ich fühle mich beim Betrachten der Bilder von Heiko Mattausch aber auch an einzelne Werke von Otto Dix erinnert, der sich mit dunklen Farben, häufig schwarz, sozialkritisch mit seiner Umgebung auseinandersetzte.

Mit Otto Dix komme ich dann auch zu den Themen, mit denen sich Mattausch auseinandersetzt. Betrachtet man seine Bilder, könnte man darin eine Ausweglosigkeit menschlichen Strebens ableiten. Danach gefragt, ob er Zukunftsskeptiker sei, verneint dieses, will aber sicherlich als kritischer Wegbegleiter verstanden werden. Als Hofporträtist im Rokoko wäre er vermutlich ungeeignet gewesen; Heiko Mattausch steht nicht für das Glatte, das Gestylte, sondern für das Raue und Nicht-Perfekte. Diese Sympathie für Unfertiges und für Veränderung entdeckt man selbst in seinen Landschafts- oder Stadtlandschafts-Bildern. Es gibt wohl kein Lieblings-Sujet von Heiko Mattausch. Mit Bleistift, Wasserfarbe, Acryl, Sprühfarbe und Öl malt er Porträts, Szenen des alten und neuen Testaments, Stadtlandschaften wie die hier gezeigten aus Quedlinburg oder Metaphern, die die Konsequenzen menschlichen Handelns verdeutlichen. In besonderem Maße an Rembrandt erinnernd, technisch faszinierend und inhaltlich beeindruckend sind die Werke des Zyklus‘ „Membra Jesu nostri“, wohl eine Hommage an Dietrich Buxtehude, der auf seine musikalische Weise das Leiden von Jesus Christus beschrieb. In diesem Zyklus wie auch in Bildern zum Thema Stadtrand oder Urwaldriesen spürt man das Mitgefühl, das der Künstler für die lebende Kreatur empfindet. Dabei sind die Bilder keinesfalls plakativ, sondern lassen Raum zum Nachdenken.

Ein mich besonders ansprechendes Werk von Heiko Mattausch ist betitelt mit „Rückkehrer“. In einer düsteren Umgebung zieht ein Elendszug auf den Betrachter zu. Unter den verschiedenen möglichen Interpretationen drängt sich mir eine Analogie zur Ernüchterung vieler Heilsversprechungen auf. Der Mensch neigt zu einer permanenten Sehnsucht nach dem gelobten Land, um am Ende doch wieder enttäuscht zu werden. Das hält ihn nicht davon ab, immer wieder Heilsversprechungen zu erliegen. In der DDR-Ära haben etliche Ehepaare aus meinem Bekanntenkreis die Erfahrung machen müssen, dass sie mit der von der DDR-Regierung genehmigten Ausreise auch ihre Probleme mitgenommen haben. Angekommen im gelobten Westen kam es dann doch zur Ehescheidung oder anderen familiären Eruptionen. Auch die Analogie zum verlorenen Sohn aus dem neuen Testament liegt auf der Hand. Schließlich hatte ich beim Betrachten dieses Bildes eine dritte Assoziation. Im berühmten Gemälde von Adolf Northern, das die geschlagene französische Armee bei ihrem Rückzug aus Russland 1812 zeigt. Mit großen Erwartungen auf Plündermöglichkeiten war die große Armee in Richtung Moskau aufgebrochen, krank, zerlumpt und gebrochen schleppten sich die Überlebenden über Litauen nach Preußen.

Sie sehen, meine Damen und Herren, an Heiko Mattauschs Werk kommt man nicht mit einem kurzen fotografischen Blick vorbei. Es lohnt sich, zu betrachten, nachzudenken und darüber zu kommunizieren. Ich wünsche Ihnen dabei Einsichten und auch Freude an nobler Qualität, die trotz der unüberschaubaren Zahl von Künstlern heutzutage leider nicht die Regel ist.

Dr. Eberhard Brecht, Oberbürgermeister der Stadt Quedlinburg, 29.08.2014